Kapelleufer (nahe Bundespressestrand)

Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-09-03
Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-09-03
Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-78180, Horst Siegmann
Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-78180, Horst Siegmann

Der gescheiterte Fluchtversuch von Dieter und Elke Weckeiser (Kapelle-Ufer)

»Die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt, als das junge Ehepaar Weckeiser am Abend des 18. Februar 1968 den Versuch unternimmt, die Grenze nach West-Berlin zu überwinden. Allerdings an einer Stelle, die besonders bewacht und gesichert ist: in der Stadtmitte an der Spree, schräg gegenüber vom Reichstagsgebäude. Hier hätten sie – nach Überwindung des Stacheldrahtes und einer Wachhund-Laufanlage – einen drei Meter hohen Streckmetallzaun überklettern, danach die eiskalte Spree durchschwimmen und am gemauerten Ufer auf der anderen Seite wieder empor kommen müssen. Das wäre ohne Hilfsmittel nahezu unmöglich gewesen. Als sie gegen 23.00 Uhr den ersten Stacheldrahtzaun durchkriechen, werden sie vom Postenturm aus entdeckt und ohne Anruf beschossen.

17 Schuss werden vom Turm auf sie abgegeben; Elke Weckeiser wird in Brust und Oberschenkel getroffen, Dieter Weckeiser erleidet einen Schädeldurchschuss. Ein Sanitätswagen bringt die lebensgefährlich Verletzten in das nahe gelegene VP-Krankenhaus; dort erliegt die junge Frau noch in der Nacht ihren schweren Verletzungen, ihr Ehemann stirbt trotz einer Notoperation am darauf folgenden Tag. Die beteiligten Grenzsoldaten werden belobigt und mit der »Medaille für vorbildlichen Grenzdienst« ausgezeichnet, einer von ihnen wird vorzeitig zum Gefreiten befördert. – Dreißig Jahre später müssen sie sich für die Schüsse auf Elke und Dieter Weckeiser vor dem Landgericht Berlin verantworten. Der Todesschütze wird 1997 wegen Totschlags »in einem minderschweren Fall« zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt. Sein Vorgesetzter, für den die Getöteten noch vor Gericht »zwei sich absichtlich selbstgefährdende Grenzverletzer« sind, wird freigesprochen, weil er für den »Exzess« des Todesschützen nach Ansicht des Gerichts rechtlich nicht haftbar gemacht werden kann. Die Mehrheit der an der Grenze eingesetzten Offiziere und Soldaten hat zuvor in ihren polizeilichen Vernehmungen bekundet, dass der Schusswaffeneinsatz objektiv nicht erforderlich war.« (Text: Martin Ahrend | Udo Baron, in: Hertle, Hans-Hermann | Nooke, Maria u.a.: Die Todesopfer an der Berliner Mauer, Berlin 2009.)

© Dr. Maria Nooke – Stiftung Berliner Mauer