Puschkinallee / Flutgraben / Schlesischer Busch

Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-462-0076106, Horst Siegmann
Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-462-0076106, Horst Siegmann
Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-137 054, Karl-Heinz-Schubert
Foto: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290-137 054, Karl-Heinz-Schubert

Von Litfaßsäulen und Wachtürmen im Schlesischen Busch (Puschkinallee/Flutgraben)

Puschkinallee, Berlin-Treptow. Eine Ost-Berliner Straße, fotografiert am 14. oder 15. August 1961 von der anderen Seite der Sektorengrenze. Dazwischen ein Uniformierter, eine Liftaßsäule, ein Schlagbaum und ein Warnschild. Am rechten Bildrand, mit dem Rücken zum Betrachter, ein älterer Mann, der auf der West-Berliner Seite des Schlagbaums steht und über diesen hinweg mit zwei Frauen spricht. Denn passieren dürfen sie die Straßensperre anders als noch wenige Tage zuvor nicht mehr. Auch ein Mann mit Fernglas gibt zu erkennen, dass hier kein Durchkommen ist. Sonst hätte er kaum einen Grund auf diese Weise gen Westen zu spähen, in welcher Absicht immer. Nur die Litfaßsäule links im Bild sieht aus, als wäre nichts geschehen. Sie ist mit Plakaten beklebt, darauf das Wort »Kino« und lustige Strichmännchen, die wohl glückliche DDR-Bürger darstellen sollen... Ein paar Wochen später ist die Litfaßsäule noch immer an ihrem Platz. Die Sicht auf die Freiarchenbrücke aber, von der aus der Fotograf Horst Siegmann sie aufgenommen hat, versperrt nun nicht mehr der Schlagbaum, sondern die Berliner Mauer: »Die nächste Straßenbrücke ist zugemauert. Sie verband früher die Schlesische Straße (Kreuzberg) mit dem Bezirk Treptow.

Über die Mauer ragen zwei Litfaßsäulen. Auf der linken steht: »Mit dem Friedensvertrag zu Frieden und Einheit der Nation! Mit dem Sozialismus zum Glück des Volkes! Wählt die Kandidaten der nationalen Front!« Auf der rechten Säule ein klebt ein Kinoplakat: »Fall Gleiwitz«. Auf dunkelgrünem Grund die schwarze Silhouette eines Mannes mit Maschinenpistole. Hier geht es nicht weiter.« So hat es der Schriftsteller Eckart Kroneberg, auch er ein West- Berliner Chronist des Mauerbaus, im September 1961 beschrieben. Die rechte Säule, – das muss die gewesen sein, auf der im August noch die Strichmännchen klebten. Ganz in ihrer Nähe gab es 1961 – und gibt es inzwischen wieder – einen Park, den Schlesischen Busch. Er musste nach dem Mauerbau ebenso wie die Litfaßsäule einem militärisch bewehrten und bewachten Grenzstreifen weichen. Ein Wachturm zeugt noch heute davon. Die Litfaßsäule hingegen scheint ihre Spuren nur in Texten und Bildern hinterlassen zu haben.

© Christine Brecht – Grenzläufte e.V.