S-Bhf. Wollankstr.

Foto: Gedenkstätte Berliner Mauer, Bild-Nr. 7546, Michael-Reiner Ernst
Foto: Gedenkstätte Berliner Mauer, Bild-Nr. 7546, Michael-Reiner Ernst

Der „Wollanktunnel“ (S-Bahnhof  Wollankstraße)

In der Nacht vom 26. zum 27. Januar 1962 entdeckte ein Reichsbahnangestellter auf dem Bahnsteig des S-Bahnhofs Wollankstraße eine Absenkung, die sich innerhalb kurzer Zeit zu einem 1,20 m tiefen Loch vergrößerte. Sofort eingeleitete Untersuchungen brachten zu Tage, dass in den leer stehenden Gewölben unter dem Bahnsteig, die nur von der West-Berliner Seite zugänglich waren, Erdarbeiten stattgefunden hatten. West-Berliner Studenten hatten hier begonnen, einen Fluchttunnel Richtung Ost- Berlin zu graben. Ihr Ziel war ein Fabrikgebäude in der Schulzestraße in Pankow. Doch nach dreiwöchiger Arbeitszeit stürzte der Tunnel trotz Abstützungen fünf Meter hinter der Einstiegsstelle ein. Die Generalstaatsanwaltschaft der DDR leitete ein Ermittlungsverfahren ein, das auf die Feststellung der am Bau beteiligten Personen und die Initiatoren und Geldgeber gerichtet war. Die Untersuchung des Vorgangs übernahm das Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Innerhalb kurzer Zeit identifizierte die Stasi einige der Tunnelgräber und leitete entsprechende Fahndungen ein. Wenig später wurde einer der am Bau beteiligten Studenten festgenommen, weitere Verhaftungen folgten. Der Tunnel wurde laut Unterlagen der Stasi am 6. Februar 1962 »liquidiert«.

Die DDR nutzte das Auffinden des Tunnels zu einer groß aufgezogenen Propagandaaktion. Auf einer internationalen Pressekonferenz am 1. Februar 1962 wurde vor Ort unter Teilnahme des Verkehrsministers die angebliche »Agentenschleuse« der Öffentlichkeit vorgeführt. In Schaukästen präsentierte »Beweisstücke« wie Schaufeln, Bauholz, eine Axt, zwei Hämmer, Petrix- Anhängerlampen und eine Blechdose mit Nägeln, aber auch leere Zigarettenschachteln und Taschenlampen sollten »die gefährliche Provokation an der Staatsgrenze« entlarven. Die Unterstellung, durch dieses Stollensystem hätten »Agenten und Diversanten« geschleust werden sollen, hatte nichts mit dem Anliegen der Tunnelbauer zu tun, die einen Fluchtweg für Freunde und Verwandte bauen wollten.

© Dr. Maria Nooke – Stiftung Berliner Mauer